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Events to do with the body, gender and sexuality in Basel

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Propagandagespräche von Boris Nikitin (CH) Macht und Verwundbarkeit I – Didier Eribon

  • Kaserne 1B Klybeckstrasse Basel, BS, 4057 Switzerland (map)

Gespräch VII mit Didier Eribon (Soziologe) über ihn selbst. Im Rahmen von It’s The Real Thing - Basler Dokumentartage `19

Am Anfang jeder Veränderung der Öffentlichkeit steht ein Coming-Out. Egal ob es um Sexualität geht, um Glauben, Krankheit, eine dissidente politische Überzeugung, den Wunsch zu sterben, oder das Zeigen eines Kunstwerks. Ein Mensch geht raus. Exponiert sich, gibt sich eine Stimme, sei es gesprochen, geschrieben, geflüstert, geröchelt oder mit einem gezielten Schweigen. Stellt seinen Körper aus. Macht sich sichtbar, angreifbar - verwundbar. Doch die Verwundbarkeit unterläuft durch diesen Akt des Teilens zugleich eine Umwertung. Sie wird von einem vermeintlichen Mangel plötzlich zu einer Fähigkeit: Vulner-ability. Die Fähigkeit, verletzbar, angreifbar und sterblich zu sein.

Mit der Gesprächsreihe Macht und Verwundbarkeit setzt Boris Nikitin seine langjährige Auseinandersetzung mit dem Realen und dessen Imitationen fort. Er widmet sich der Frage, wie wir in die Realität einwirken, indem wir uns exponieren, dokumentieren und propagieren und benutzt dabei die einfachst-mögliche Form: die des Gesprächs. Mit jeweils einem Gast taucht Boris Nikitin ein in die experimentellen Grauzonen des Öffentlichenin denen Realitäten immer wieder neu getestet und erfunden werden. Wie in dem Festival It’s The Real Thing und seinen Stücken geht er auch hier der Frage nach, wie Menschen Realitäten schaffen, indem sie sich veröffentlichen und dabei im Gleichzug in ihr Selbstbild eingreifen und es verändern. Das Paradigma hierfür ist für Nikitin das Coming-out, das Nikitin  als «eine Schnittstelle zwischen dem Faktischen und dem Fiktiven» und als einen «Akt der Selbstdokumentation mit Wirkungskraft» bezeichnet.

 

Was bedeutet es, wenn sich die südafrikanische Journalistin und Performancekünstlerin als «fat queer white trans body» bezeichnet und sich mit dem Spruch «white people fuck» in die Öffentlichkeit stellt? Wie gehen wir damit um, wenn uns nahe stehende Menschen plötzlich offenbaren, dass sie sterben möchten? Was bedeutet es, sich als Rechtsextremer zu outen und dann plötzlich die Seiten zu wechseln? Was bedeutet es, als ehemalige Grünenpolitikerin plötzlich eine restriktive Grenzpolitik zu propagieren? Welche Konsequenzen hat es, wenn ein Regisseur immer wieder versucht, die Grenzen zwischen Kunst und politischem Aktivismus zu verwischen? Was bedeutet es, sich als schwuler Soziologe selbst zum Gegenstand einer gesamtgesellschaftlichen Veränderung zu machen? In den Gesprächen wird es um Fragen nach Teilhabe und Wirksamkeit gehen, um die Sehnsucht nach Anerkennung, um den Kampf gegen die Entfremdung. Nicht zuletzt soll aber eine wesentlich menschliche Eigenschaft verhandelt werden: Verwundbarkeit.

I / 20. Oktober 2018 Gespräch mit Dean Hutton (Fotojournalistin, Aktivistin und Performance-künstlerin aus Südafrika) über fette, queere, weisse Transkörper

 

II / 26. November 2018 Gespräch II mit Rita Schulthess (Sterbebegleiterin bei EXIT) über das grösste aller Coming-Outs: den Wunsch zu sterben

 

III / 12. Dezember 2018 Gespräch III über politische Provokation und unberechenbare Reaktionen. Mit Christian Weissgerber, ehemaliger Neonazi, heute Kulturwissenschaftler, und Vera Lengsfeld, ehemals Grünen-Politikerin, heute Publizistin bei Achse des Guten und Herausgeberin der Erklärung 2018

 

IV / 22. Januar 2019 Gespräch IV mit Milo Rau (Regisseur und Autor) über Theater und Propaganda


V / 20. Februar 2019 Gespräch V mit Abt Peter von Sury, Abt des Klosters Mariastein, über den verwundeten Körper als die Pop-Ikone des Christentums

 

VI / 15. März 2019 Gespräch VI mit Peggy Piesche, Kulturwissenschaftlerin, über Minderheiten, Identitätspolitik und ihre Missverständnisse

 

VII / 12. April 2019 Gespräch VII mit Didier Eribon (Soziologe) über ihn selbst. Im Rahmen von It’s The Real Thing - Basler Dokumentartage `19

 

Konzept Boris Nikitin 
Produktionsleitung Annett Hardegen, Bernhard la Dous

 

Eine Koproduktion mit der Kaserne Basel. Mit Unterstützung durch den Fachausschuss Tanz & Theater der Kantone Basel-Stadt und Basel-Landschaft

Boris Nikitin

 

Der Regisseur und Autor Boris Nikitin, in Basel geboren und Sohn ukrainisch-slowakisch-französisch-jüdischer Einwanderer, inszeniert in der internationalen freien Szene und an deutschsprachigen Stadttheatern. Er ist Initiator und Leiter des Festivals It’s The Real Thing- Basler Dokumentartage, das im April 2019 zum vierten mal stattfinden wird. Nikitins Theaterarbeiten und Festivals setzen sich, nicht zuletzt aufgrund seiner Herkunft, mit der Darstellung und Herstellung von Identität und Realität auseinander. Die Stücke und Texte suchen dabei stets den Grenzgang zwischen Illusionstheater und Performance, Dokumentarischem und Propaganda. Seine jüngsten Arbeiten waren zuletzt neben Basel, Zürich und Lausanne ua. in Moskau, St. Petersburg, Sao Paulo, Amsterdam, Madrid, Paris, Athen, Berlin, München, Frankfurt und Kapstadt zu sehen. Über seine letzte Arbeit Hamlet schrieb die Fachzeitschrift Theater der Zeit: «Hamlet hebt die Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit im zeitgenössischen Performancetheater auf eine neue Stufe.» Und der Tagesanzeiger schrieb: «Denn über all dem schwebt auch die Frage, was Theater heute eigentlich noch sein kann und soll. Es ist ein konstruktiv-provokativer, grossartiger Abend, der einen elektrisierenden Sog entwickelt». Für sein bisheriges Werk wurde Nikitin 2017 mit dem J.M.R. Lenz - Dramatikpreis der Stadt Jena ausgezeichnet. Nikolaus Müller-Schöll, Professor für Theaterwissenschaft an der Goethe-Universität Frankfurt schreibt in seiner Laudatio: «Es sind die verborgenen Möglichkeiten, um derentwillen Nikitin seine Versuchsanordnungen aufbaut. Sein Theater lädt uns ein, im Bestehenden über das Bestehende wie seine Negation hinaus über das nachzudenken, was kommen mag.

 

Earlier Event: April 12
OHG IT`S DRAG
Later Event: April 12
Frauen*streik-Soliparty